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Kinästhetik


„Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, leistet so viel wie eine Vollzeitpflegekraft in einen Krankenhaus. Nur normalerweise ohne professionelle Anleitung, ohne Fachausbildung. Das geht an die eigenen Kräfte. Körperlich und geistig. Aber wir können helfen!“ Es ist mehr als nur eine leere Versprechung, die Heinz Hofer in petto hat. Die Lehre der Kinästhetik macht`s möglich. Was sich dahinter verbirgt, gab der 51-Jährige Kinästhetik-Trainer erst vor kurzem in einem Kurs für pflegende Angehörige weiter.

Es war eine gelungene Premiere. Zum ersten Mal fand ein Kinästhetik-Kurs unter dem Dach des neuen „Pflegestützpunktes“ des Landkreises Roth statt. Zur Erinnerung: Hier laufen bei Gerhard Kunz und seinem Team seit Anfang des Jahres die Fäden in allen Fragen der Pflege zusammen.  Die Devise: Hilfesuchenden mit Rat und Tat beistehen.

Genau das ermöglicht die Zusammenarbeit mit der „Fachstelle für pflegende Angehörige der Diakonie Neuendettelsau und des Diakonischen Werkes Schwabach“, für die Hofer schon seit längerem Kinästhetik-Kurse anbietet. Hofer, der Anfang der 80er Jahre sein Examen als Krankenpfleger ablegte, arbeitet mittlerweile als Lehrer in der Berufsfachschule für Krankenpflege der Rother Kreisklinik. Sein Spezialgebiet: die Kinästhetik.

Eine Pflegemethode, von der er überzeugt ist, „dass sie ein großes Plus an Lebensqualität für Patient und Pflegenden bedeutet“. Warum? „Weil sie hilfsbedürftigen Kranken das Gefühl gibt, ihren Betreuern nicht völlig ausgeliefert zu sein. Und weil sie Pflegenden die Arbeit wesentlich erleichtert, was diesen wiederum körperlich und geistig gut tut.

„Das geht auf den Rücken“

Nur zu gut erinnert sich Hofer an die Zeiten als „konventioneller“ Krankenpfleger. „Als Mann war man auf Station immer ein gern gesehener Helfer, wenn es darum ging, Patienten umzulagern. Aber nicht nur Frauen, auch Männern geht das irgendwann echt auf die Bandscheiben.“ Die Folge: fast unerträgliche Rückenschmerzen. Nicht umsonst hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für Pflegeberufe sogar ein eigenes Präventionsprogramm aufgelegt, weil Rückenschmerzen zu den großen Problemen im Bereich der Alten- und Krankenpflege gehören. In Krankenhäusern und Kliniken liegen demnach die Krankenstandszahlen über dem bundesweiten Durchschnitt.

Aber: Im Gegensatz zu den examinierten Gesundheits- und Krankenpflegern, haben pflegende Angehörige nur in den seltensten Fällen wirklich Ahnung, wie Pflege möglichst gesundheitsschonend für einen selbst aussieht. Mit der Konsequenz, dass es ihnen oft selbst schlecht geht. Aber „sie müssen ja funktionieren“, berichtet Petra Lobenwein von der Fachstelle für pflegende Angehörige.

Sie weiß um die Probleme ihrer Klientel. Rund 1000 Beratungsgespräche, etwa 450 Ratsuchende im Jahr weist die Statistik aus. Hinter diesen nackten Zahlen stehen oft bittere Schicksale, stehen Tage und Wochen, in denen der Pflegende bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit – und darüber hinaus – gehen muss.

Umso wichtiger findet es Heinz Hofer, Pflegenden außerhalb der Kreisklinik „Rüstzeug“ an die Hand zu geben, die ihnen ihre Aufgabe zu Hause erleichtert. Darum auch der Kinästhetik-Kurs.

Tipps für die Praxis

Dabei geht es um weit mehr als um das Wissen hilfreicher Handgriffe, um beispielsweise einem MS-Patienten das Aufstehen aus dem Rollstuhl zu erleichtern. Hofer weiß aus seinem Berufsalltag, dass dieses Aufstehen „oft nicht mehr ist, als jemanden aus dem Stuhl hoch zu zerren und ihn dann mehr oder weniger auf eine andere Sitzfläche plumpsen zu lassen.“ Das sei für den Patienten, an dessen Achseln gezerrt werde, unangenehm. Und dem Pflegenden geht das ins Kreuz.“

Und: „Wenn Patienten (zu) hart angefasst werden, damit sie einem nicht durch die Hände rutschen; oder sie Angst haben, weil sie beispielsweise fallen könnten, machen sie sich automatisch steif. Dann ist das für den Pflegenden wirklich so als müsste man einen Baumstamm herum wuchten, “ so Hofer.

Mit Hilfe der Kinästhetik-Lehre werden natürliche Bewegungen aufgegriffen. Langsam und mit möglichst wenig Kraftaufwand. Im konkreten Fall würde das bedeuten, dass der Rollstuhlfahrer sitzend in Schrittstellung geht und der Pflegende stehend ihm gegenüber ebenfalls. Nun kann der Patient aktiv beim Aufstehen mithelfen, während der Betreuer Rücken schonend buchstäblich unter die Arme greifen kann und das „natürliche“ Aufstehen unterstützt – ohne selbst umfallen zu können.

Das Ganze funktioniert sogar ohne Klammergriff; der Patient hat keine Angst, kann aktiv mithelfen, fühlt sich damit nicht „ausgeliefert“ und als echte „Last“ – was wiederum der Psyche gut tut. Außerdem unterstützt er den Pflegenden bei seiner Aufgabe, der seinen Job damit ebenfalls leichter wahrnehmen kann. Nur eines von vielen Beispielen, wie Kinästhetik die Alltags(Pflege-)Arbeit erleichtern kann. Für beide Seiten.

Hofer warnt allerdings davor, zu glauben, sein Fachgebiet arbeite mit Standardlösungen. „Die gibt es nicht, weil jeder Patient, jeder Pflegende unterschiedlich ist und es bei dieser Methode auch sehr auf Einfühlungsvermögen ankommt. Doch mit der Zeit entwickelt jeder, der sich auf die Kinästhetik einlässt, ein gutes Gespür, was wirklich hilft.“

Tatsächlich müssen sich die Kursteilnehmer allein für den Grundkurs Zeit nehmen. Sieben mal drei Stunden und damit genau so lange wie bei Fortbildungen innerhalb der Krankenpflegeschule, unterrichtet Hofer die pflegenden Angehörigen. Woher die Zeit nehmen, fragte sich im Vorfeld so mancher der Pflegenden. Hier wiederum kann die Fachstelle der Diakonie helfen, die pflegenden Angehörigen grundsätzlich helfen kann, dass diese sich „Auszeiten“ nehmen können – gleich, ob „nur“ für einen Einkauf. Oder aber für einen Kinästhetik-Kurs.

Zur Sache:

Der Begriff Kinaesthetics kann mit „Kunst/Wissenschaft der Bewegungswahrnehmung“ übersetzt werden. Die Methode stammt ursprünglich aus den USA und hat ihren Ursprung Anfang der 70er Jahre. Das Grundprinzip besagt, dass menschliche Bewegungsmuster zunächst analysiert werden, um dann in alltägliche Aktivitäten integriert zu werden. Kinästhetik basiert zudem auf eine erhöhte Sensibilität aller Beteiligten. Sie wird vor allem in den Fachgebieten Gesundheitsentwicklung, Krankenpflege, Altenpflege und Kinder- und Jugendarbeit angewendet, nachdem sie psychisch und physisch ein Plus an Lebensqualität bedeutet. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 1000 Kinästhetik-Trainer, darunter auch Heinz Hofer. Der 51-Jährige unterrichtet diese besondere Pflegeform seit drei Jahren in der Pflegeschule der Kreisklinik Roth. Erstmals bot er nun diesen Kurs in Zusammenarbeit mit dem neu eingerichteten Pflegestützpunkt des Landkreises und der Fachstelle für pflegende Angehörige der Diakonie Neuendettelsau und des Diakonischen Werks Schwabach für pflegende Angehörige an. Dank einer Kooperation mit der GEK Barmer kostet der Kurs, der über sieben Tage je drei Stunden geht, pro Teilnehmer 25 Euro. Bei Bedarf wird im Herbst ein weiterer Kurs angeboten. Interessenten können sich ab sofort bei Petra Lobenwein, Telefon 09171 81-502, E-Mail:             petra.lobenwein@pflegestuetzpunkt-roth.de, informieren und anmelden.



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